Post von unterwegs
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Pyramiden vom Hotelbalkon aus, ein Brunnen mit einer sehr alten Geschichte, Gassen voller Mopeds und eine Goldmaske, vor der alle leiser werden.
Man stellt sich die Pyramiden in der Wüste vor: drei Dreiecke, Sand, sonst nichts. Die Wahrheit ist schöner und lauter. Sie stehen am Rand einer Stadt mit über zwanzig Millionen Menschen, und vom Balkon eines ganz gewöhnlichen Hotels in Gizeh sieht man sie über Satellitenschüsseln, Wassertanks und unverputzte Dächer ragen.1 Ich habe am ersten Morgen elf Fotos von genau diesem Ausblick gemacht. Oben ist eines davon. Die anderen zehn sind fast gleich, und ich habe trotzdem keines gelöscht.
Ich hatte drei Tage. Für Ägypten ist das lächerlich wenig, für Kairo gerade genug, um zu verstehen, dass man wiederkommen muss.
Aus der Nähe verlieren die Pyramiden ihre Glätte. Man sieht Stufen, Brüche, Steinblöcke, jeder größer als ein Kühlschrank. Nur an der Spitze der Chephren-Pyramide sitzt noch ein Rest der alten Verkleidung, wie eine Mütze, die der Wind vergessen hat.2 Früher waren alle Pyramiden mit glatten, hellen Kalksteinplatten verkleidet. Die meisten davon wurden im Mittelalter abgetragen und in Kairo verbaut. Ein Teil der Pyramiden steckt also in der Stadt.
Ich bin früh gekommen, kurz nach dem Öffnen. Das hat zwei Vorteile: weniger Menschen, und ein Licht, das die Steine golden macht statt grau.

Die Sphinx liegt ein Stück tiefer, in einer Mulde, aus der sie herausgemeißelt wurde. Sie ist kleiner, als man glaubt, und viel eindrucksvoller, als man erwartet. Ihre Nase fehlt seit Jahrhunderten. Wer sie abgeschlagen hat, darüber gibt es mehr Geschichten als Beweise.



Im koptischen Viertel, zwischen alten Kirchen und engen Mauern, liegt ein Brunnenschacht unter Glas. Der Überlieferung nach hat die Heilige Familie auf ihrer Flucht nach Ägypten hier Rast gemacht und aus diesem Brunnen getrunken.
Ob das stimmt, kann niemand beweisen. Es spielt auch keine Rolle. Man steht davor, schaut in das Wasser und wird still, ob man gläubig ist oder nicht.3 Neben mir stand eine Familie aus Deutschland. Der Vater hat leise die Inschrift vorgelesen, die Tochter hat gefragt, ob man daraus heute noch trinken darf. Antwort: nein.
Am Nachmittag ging es hinauf zur Zitadelle, der alten Festung über der Stadt. Oben steht die Muhammad-Ali-Moschee, ganz aus hellem Stein, mit einem Hof, in dem es selbst mittags kühl ist. Davor dösen Hunde in der Sonne, als hätten sie hier Dienst.
Wenn es eine Straße gibt, in der Kairo alles gleichzeitig ist, dann diese: Moscheen aus dem Mittelalter, Läden mit Lampen, Gewürzen und Kupfer, dazwischen Mopeds, Handkarren und Menschen, die es eilig haben. Ich bin einfach mitgegangen, ohne Ziel, und habe nach einer Stunde zum ersten Mal auf die Karte geschaut.


Mitten im Gedränge schiebt ein Mann einen Karren voller Gasflaschen durch die Gasse. Er pfeift dabei. Niemand weicht aus, und trotzdem kommt er durch, Zentimeter für Zentimeter.
Ich habe ihn ein Stück begleitet, mit Abstand, und dabei mehr über diese Stadt gelernt als in jedem Museum: Hier geht alles, irgendwie, und meistens freundlich.
Das neue Museum liegt in Sichtweite der Pyramiden und ist selbst ein Bauwerk, vor dem man stehen bleibt. Die Fassade ist mit Dreiecken übersät, als hätte jemand die Pyramiden in ein Muster übersetzt. Drinnen ist es hoch, hell und erstaunlich ruhig, bis man zu Tutanchamun kommt.



Und dann die Maske. Man kennt sie aus Büchern, von Plakaten, von Kühlschrankmagneten. Und trotzdem ist es etwas anderes, wenn sie einen Meter vor einem steht: das Gold, das Blau der Streifen, die Augen, die einen über dreitausend Jahre hinweg ansehen.
Sie besteht aus über zehn Kilo Gold. Das ist die Zahl, die alle nennen. Was keiner erwähnt: wie leise ein Raum voller Menschen werden kann.4 Ich habe sieben Minuten vor der Vitrine gestanden. Eine Museumswärterin hat mir zugelächelt, als wollte sie sagen: Ja, so geht es allen.

Am letzten Abend bin ich noch einmal durch die Innenstadt gegangen, ohne Kamera in der Hand, nur um zu schauen. Dann habe ich sie doch noch einmal herausgeholt, für dieses eine Bild.
Drei Tage reichen nicht für Kairo. Aber sie reichen, um zu wissen, dass man zurückkommt. Beim nächsten Mal mit mehr Zeit, mehr Wasser und weniger Plan.
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