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Fernweh mit Fußnoten
Die Pyramiden von Gizeh hinter den Dächern der Stadt, gesehen von einem Hotelbalkon

Ägypten · 29. bis 31. März · 9 Minuten Lesezeit

Kairo. Drei Tage, fünftausend Jahre.

Pyramiden vom Hotelbalkon aus, ein Brunnen mit einer sehr alten Geschichte, Gassen voller Mopeds und eine Goldmaske, vor der alle leiser werden.

Man stellt sich die Pyramiden in der Wüste vor: drei Dreiecke, Sand, sonst nichts. Die Wahrheit ist schöner und lauter. Sie stehen am Rand einer Stadt mit über zwanzig Millionen Menschen, und vom Balkon eines ganz gewöhnlichen Hotels in Gizeh sieht man sie über Satellitenschüsseln, Wassertanks und unverputzte Dächer ragen.1 Ich habe am ersten Morgen elf Fotos von genau diesem Ausblick gemacht. Oben ist eines davon. Die anderen zehn sind fast gleich, und ich habe trotzdem keines gelöscht.

Ich hatte drei Tage. Für Ägypten ist das lächerlich wenig, für Kairo gerade genug, um zu verstehen, dass man wiederkommen muss.

Belebte Straße in Kairo mit Autos, Tuk-Tuks und hohen Wohnhäusern, von einer Brücke ausDie Pyramiden im Dunst über dem Häusermeer von Kairo
Links: Kairo von einer Fußgängerbrücke aus. Gehupt wird hier nicht aus Ärger, sondern zur Verständigung. Rechts: Dieselben Pyramiden einen Tag später, von der Zitadelle aus, rund fünfzehn Kilometer entfernt im Dunst.

Tag 1Gizeh, aus der Nähe

Aus der Nähe verlieren die Pyramiden ihre Glätte. Man sieht Stufen, Brüche, Steinblöcke, jeder größer als ein Kühlschrank. Nur an der Spitze der Chephren-Pyramide sitzt noch ein Rest der alten Verkleidung, wie eine Mütze, die der Wind vergessen hat.2 Früher waren alle Pyramiden mit glatten, hellen Kalksteinplatten verkleidet. Die meisten davon wurden im Mittelalter abgetragen und in Kairo verbaut. Ein Teil der Pyramiden steckt also in der Stadt.

Ich bin früh gekommen, kurz nach dem Öffnen. Das hat zwei Vorteile: weniger Menschen, und ein Licht, das die Steine golden macht statt grau.

Die Chephren-Pyramide unter blauem Himmel mit Wolken
Die Chephren-Pyramide. Oben an der Spitze ist noch ein Stück der ursprünglichen Verkleidung zu sehen.

Die Sphinx liegt ein Stück tiefer, in einer Mulde, aus der sie herausgemeißelt wurde. Sie ist kleiner, als man glaubt, und viel eindrucksvoller, als man erwartet. Ihre Nase fehlt seit Jahrhunderten. Wer sie abgeschlagen hat, darüber gibt es mehr Geschichten als Beweise.

Die Sphinx von Gizeh im Profil vor tiefblauem Himmel
Die Sphinx blickt nach Osten, der aufgehenden Sonne entgegen. Sie hat schon sehr viele Besucher kommen und gehen sehen und lässt sich nichts anmerken.
Die Sphinx vor der Chephren-Pyramide, links in der Ferne eine kleinere Pyramide
Die Sphinx vor der Chephren-Pyramide. Links in der Ferne: eine der kleineren Pyramiden.

Tag 2Alt-Kairo und die Zitadelle

Runder Brunnenschacht unter Glas mit der Inschrift: The well which the Holy Family drank from
Ein Brunnen in Alt-Kairo, unter Glas. Die Inschrift verspricht nicht weniger als eine Begegnung mit der Weltgeschichte.

Im koptischen Viertel, zwischen alten Kirchen und engen Mauern, liegt ein Brunnenschacht unter Glas. Der Überlieferung nach hat die Heilige Familie auf ihrer Flucht nach Ägypten hier Rast gemacht und aus diesem Brunnen getrunken.

Ob das stimmt, kann niemand beweisen. Es spielt auch keine Rolle. Man steht davor, schaut in das Wasser und wird still, ob man gläubig ist oder nicht.3 Neben mir stand eine Familie aus Deutschland. Der Vater hat leise die Inschrift vorgelesen, die Tochter hat gefragt, ob man daraus heute noch trinken darf. Antwort: nein.

Am Nachmittag ging es hinauf zur Zitadelle, der alten Festung über der Stadt. Oben steht die Muhammad-Ali-Moschee, ganz aus hellem Stein, mit einem Hof, in dem es selbst mittags kühl ist. Davor dösen Hunde in der Sonne, als hätten sie hier Dienst.

Säulengang aus hellem Stein im Hof der Muhammad-Ali-MoscheeMoschee mit Minarett und Zinnenmauer auf der Zitadelle von KairoVier Straßenhunde dösen auf dem Pflaster vor einer Moschee
Die Zitadelle von Kairo: der Säulenhof der Muhammad-Ali-Moschee, die Moschee von Sultan an-Nasir Muhammad und der eigentliche Wachdienst.

Tag 2, abendsDie Al-Muizz-Straße

Wenn es eine Straße gibt, in der Kairo alles gleichzeitig ist, dann diese: Moscheen aus dem Mittelalter, Läden mit Lampen, Gewürzen und Kupfer, dazwischen Mopeds, Handkarren und Menschen, die es eilig haben. Ich bin einfach mitgegangen, ohne Ziel, und habe nach einer Stunde zum ersten Mal auf die Karte geschaut.

Die Al-Muizz-Straße in der Altstadt von Kairo mit Läden, Mopeds und Fußgängern
Die Al-Muizz-Straße am frühen Abend. Fußgängerzone heißt hier: Fußgänger haben nicht immer Vorrang.

Tag 3Das Grand Egyptian Museum

Das neue Museum liegt in Sichtweite der Pyramiden und ist selbst ein Bauwerk, vor dem man stehen bleibt. Die Fassade ist mit Dreiecken übersät, als hätte jemand die Pyramiden in ein Muster übersetzt. Drinnen ist es hoch, hell und erstaunlich ruhig, bis man zu Tutanchamun kommt.

Die Fassade des Grand Egyptian Museum mit dreieckigen Mustern
Das Grand Egyptian Museum. Auf dem Platz davor eine Schulklasse, die für ein Gruppenfoto aufgereiht wird.
Drei beleuchtete Pharaonenstatuen in der hohen Halle des Museums
In der großen Halle stehen die Pharaonen im Abendlicht der Scheinwerfer.
Vergoldeter Schrein aus dem Grab des Tutanchamun in einer VitrineDetail eines goldenen Sarges mit gekreuzten Armen, Krummstab und Geißel
Aus dem Grab des Tutanchamun: einer der vergoldeten Schreine und das Gesicht eines seiner Särge.
Die goldene Totenmaske des Tutanchamun
Die Totenmaske des Tutanchamun. Fotografieren erlaubt, Drängeln nicht vorgesehen, Flüstern ganz von selbst.

Und dann die Maske. Man kennt sie aus Büchern, von Plakaten, von Kühlschrankmagneten. Und trotzdem ist es etwas anderes, wenn sie einen Meter vor einem steht: das Gold, das Blau der Streifen, die Augen, die einen über dreitausend Jahre hinweg ansehen.

Sie besteht aus über zehn Kilo Gold. Das ist die Zahl, die alle nennen. Was keiner erwähnt: wie leise ein Raum voller Menschen werden kann.4 Ich habe sieben Minuten vor der Vitrine gestanden. Eine Museumswärterin hat mir zugelächelt, als wollte sie sagen: Ja, so geht es allen.

Der letzte Abend

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