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Fernweh mit Fußnoten
Unter der Hochbahn in Chicago: Stahlträger bilden einen langen Tunnel über der Straße

USA · 5. bis 24. Juli · 12 Minuten Lesezeit

Zwanzig Tage, ein Mietwagen, kein Plan B.

Von Chicago an den Mississippi, nach Texas, durch die Sümpfe von Louisiana und zurück in die Hügel von Tennessee. Ein großer Bogen durch ein Land, das in diesem Sommer 250 wird.

Der Plan war, keinen zu haben. Ein Mietwagen, ein grober Bogen auf der Landkarte, ein Rückflug in zwanzig Tagen. Dazwischen sollte passieren, was eben passiert.1 Ganz ohne Plan war es dann doch nicht. Die Hotels für die ersten drei Nächte waren gebucht. Ich bin vorsichtig, nicht verrückt.

Chicago war der Anfang, und Chicago hat sofort klargemacht, dass dieses Land in Großbuchstaben spricht: Hochhäuser wie Schluchten, eine Hochbahn, die über die Straßen rattert, und ein See, der so groß ist, dass man ihn für das Meer hält.

Tag 1 bis 2Chicago, in Großbuchstaben

Häuserschlucht in Chicago mit Hochhäusern und gelben Taxis
Häuserschlucht im Zentrum von Chicago. Die gelben Taxis sind keine Kulisse, die fahren wirklich so.

Ich bin am ersten Tag stundenlang mit dem Kopf im Nacken herumgelaufen. Chicago ist die Stadt, in der die Hochhäuser erfunden wurden, und sie lässt einen das an jeder Ecke spüren.

Unter der Hochbahn, die hier alle nur „The L“ nennen, wird jede Straße zu einem Tunnel aus genieteten Stahlträgern. Wenn ein Zug darüber fährt, zittert die Luft.

Hölzerner Rettungsschwimmer-Turm am Strand des MichiganseesGrünes Straßenschild N Lake Shore Dr an einem rostigen Mast
Links: ein Rettungsschwimmer-Turm am Michigansee. Rechts: die berühmteste Uferstraße der Stadt, auf einem ziemlich unberühmten Schild.

Der Michigansee hat Strände, Wellen und Rettungsschwimmer. Nur Salz hat er keines. Ich habe es probiert, heimlich, mit einem Finger.2 Der Michigansee ist größer als manches europäische Land. Wer am Strand steht, sieht das andere Ufer nicht. Das Gehirn sagt Meer, die Zunge sagt: Süßwasser.

Ein Löwe frisst im Gras, dahinter döst eine LöwinZwei Geier auf einem Ast
Im Zoo: ein Löwe beim späten Frühstück und zwei Geier, die schon wissen, wie dieser Text weitergeht.
Regentropfen auf einem dunklen Autodach, dahinter die Lichter der Stadt
Der erste Abend: Regen auf dem Mietwagen, die Stadt spiegelt sich in jedem Tropfen.

Tag 3 bis 6Durch die Mitte

Hinter Chicago wird das Land flach und weit. Mais, Himmel, Wassertürme, ab und zu eine Stadt, die aus dem Nichts auftaucht und genauso schnell wieder verschwindet. In Kansas City steht über der Skyline ein Reiter aus Bronze, „The Scout“, und schaut seit über hundert Jahren in die Ferne, als warte er auf jemanden.

Reiterstatue The Scout über der Skyline von Kansas CityZwei alte rot-gelbe Zapfsäulen an einer stillgelegten Tankstelle
Kansas City von oben, bewacht von „The Scout“. Daneben eine Tankstelle, an der seit Jahrzehnten niemand mehr getankt hat.
Drei Lamas stecken neugierig die Köpfe durch ein offenes Autofenster
Drive-through-Safari irgendwo im Mittleren Westen. Das Prinzip war einfach: Fenster runter, Futter in die Hand. Die Lamas hatten es deutlich schneller verstanden als ich.

Am Mississippi beginnt der Süden, zumindest gefühlt. In St. Louis steht der Gateway Arch, das Tor zum Westen, ein Bogen aus Edelstahl, so hoch, dass die Wolken ihn manchmal berühren.3 192 Meter hoch und genauso breit. Man kann mit einer winzigen Kabinenbahn bis ganz nach oben fahren. Ich habe es gemacht. Die Kabine ist sehr klein, die Aussicht sehr groß, der Puls auch.

Der Gateway Arch in St. Louis unter grauen Wolken
Der Gateway Arch in St. Louis. Fotografiert an einem grauen Tag, der dadurch erst seine Farbe bekommen hat: Edelstahl gegen Wolken.
Verrostete Gleisträger einer alten Eisenbahnbrücke über einem FlussStählerne Fachwerkbrücke, darüber fährt ein Güterzug
Brücken über den Mississippi und seine Nebenflüsse. Manche sind stillgelegt und rosten in Würde, über andere fahren noch heute Güterzüge mit hundert Waggons.

Tag 7 bis 13Elvis, Cowboys und Raketen

In Memphis bin ich zu Graceland gefahren, wie wohl jeder, der einmal dort ist. Danach weiter nach Texas, in die Stockyards von Fort Worth, wo zweimal am Tag eine kleine Rinderherde durch die Straße getrieben wird, mit echten Cowboys und Zuschauern, die mit Handys filmen.

Das Tor Fort Worth Stock Yards über einer gepflasterten StraßeBlaues Schild Graceland, The Home of Elvis PresleyDie Mission Concepción in San Antonio hinter einem steinernen Schild
Fort Worth, Memphis und San Antonio: Rinder, Rock 'n' Roll und eine Missionskirche aus dem 18. Jahrhundert.

In San Antonio stehen alte spanische Missionen, still, steinern, mitten in Parks. Und in Houston steht das Gegenteil davon: das Besucherzentrum der NASA, gleich neben dem Kontrollzentrum, mit dem die Astronauten auf dem Weg zum Mond gesprochen haben.4 „Houston, wir haben ein Problem“ wurde in Wahrheit „Houston, we've had a problem“ gesagt. Ich habe es auf der Tafel im Museum nachgelesen und bin seitdem ein unerträglicher Besserwisser.

Eingang des Space Center Houston mit NASA-Logo
Space Center Houston. Drinnen stehen echte Raketen, und man fühlt sich sehr klein und sehr stolz auf die Menschheit.

Tag 14 bis 16Sumpf, Jazz und Nacht

Louisiana empfängt einen mit feuchter Luft und Wasser überall. Auf einer Bootstour durch den Sumpf hat uns der Kapitän versprochen, dass wir Alligatoren sehen. Er hat sein Versprechen gehalten, und zwar näher, als mir lieb war.

Ein Alligator mit offenem Maul im Wasser
Ein Alligator im Sumpf von Louisiana. Ich hatte ein Teleobjektiv dabei. Das war eine sehr gute Entscheidung.
Reiterstandbild von Andrew Jackson, daneben eine amerikanische Flagge
Andrew Jackson, hoch zu Ross, irgendwo zwischen Sumpf und Jazz.

Dann New Orleans. Tagsüber spielt auf jedem Dampfer und an jeder zweiten Ecke eine Jazzband. Nachts wird die Stadt ruhiger, aber nicht leiser: Die Straßenbahn klingelt, irgendwo spielt immer noch jemand Trompete.

Ich bin um Mitternacht die Canal Street entlanggegangen, bis zum Fluss und zurück. Es war das beste Abendprogramm der ganzen Reise, und es hat nichts gekostet.

Die Canal Street in New Orleans bei Nacht mit Straßenbahnschienen und Laternen
Die Canal Street in New Orleans, kurz vor Mitternacht. Die Schienen glänzen, die letzte Straßenbahn ist schon durch.

Tag 17 bis 20Zurück nach Norden

Auf dem Rückweg nach Norden ging es durch Alabama. Das Kapitol in Montgomery war für den Geburtstag geschmückt: 250 Jahre Unabhängigkeit, in großen Buchstaben auf den Bannern.5 Am 4. Juli 2026 sind die USA 250 Jahre alt geworden. Ich war genau rechtzeitig für die Fahnen, aber leider zu spät für das Feuerwerk.

In Atlanta hat mich dann der Verkehr wieder eingeholt: so viele Spuren, dass ich aufgehört habe zu zählen, und alle wollen gleichzeitig, dass man sich einordnet.

Das weiße Kapitol von Alabama mit großen 250-Bannern in den LandesfarbenVielspuriger Highway in Atlanta mit Lastwagen, durch einen Zaun fotografiert
Links: das Kapitol von Alabama mit den Bannern zum 250. Geburtstag. Rechts: Atlanta, durch einen Zaun auf einer Brücke fotografiert. Der Zaun war eine Notlösung und ist jetzt mein Lieblingsrahmen.

Nashville war laut, im besten Sinn. Am Broadway spielt in jeder Bar eine Band, oft schon am Nachmittag, und die Fenster stehen offen, damit die Musik auf die Straße kann. Man bleibt stehen, hört zu und geht weiter zur nächsten Tür.

Eine Band spielt hinter einem offenen Fenster in einer Bar in NashvilleGleise führen auf die Skyline von Nashville und die alte Union Station zu
Nashville: Livemusik durchs offene Fenster und die Skyline mit der alten Union Station.

Der letzte Halt war unter der Erde. Die Mammoth Cave in Kentucky ist das längste bekannte Höhlensystem der Welt. Nach zwanzig Tagen Sonne, Lärm und Highway war es dort unten kühl, dunkel und still. Ein besseres Ende hätte ich nicht planen können. Ich hatte ja auch keinen Plan.

Ein beleuchteter Gang in der Mammoth Cave
In der Mammoth Cave. Hier unten ist es das ganze Jahr über gleich kühl, egal, wie heiß der Sommer draußen ist.

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