Post von unterwegs
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Von Chicago an den Mississippi, nach Texas, durch die Sümpfe von Louisiana und zurück in die Hügel von Tennessee. Ein großer Bogen durch ein Land, das in diesem Sommer 250 wird.
Der Plan war, keinen zu haben. Ein Mietwagen, ein grober Bogen auf der Landkarte, ein Rückflug in zwanzig Tagen. Dazwischen sollte passieren, was eben passiert.1 Ganz ohne Plan war es dann doch nicht. Die Hotels für die ersten drei Nächte waren gebucht. Ich bin vorsichtig, nicht verrückt.
Chicago war der Anfang, und Chicago hat sofort klargemacht, dass dieses Land in Großbuchstaben spricht: Hochhäuser wie Schluchten, eine Hochbahn, die über die Straßen rattert, und ein See, der so groß ist, dass man ihn für das Meer hält.

Ich bin am ersten Tag stundenlang mit dem Kopf im Nacken herumgelaufen. Chicago ist die Stadt, in der die Hochhäuser erfunden wurden, und sie lässt einen das an jeder Ecke spüren.
Unter der Hochbahn, die hier alle nur „The L“ nennen, wird jede Straße zu einem Tunnel aus genieteten Stahlträgern. Wenn ein Zug darüber fährt, zittert die Luft.
Der Michigansee hat Strände, Wellen und Rettungsschwimmer. Nur Salz hat er keines. Ich habe es probiert, heimlich, mit einem Finger.2 Der Michigansee ist größer als manches europäische Land. Wer am Strand steht, sieht das andere Ufer nicht. Das Gehirn sagt Meer, die Zunge sagt: Süßwasser.

Hinter Chicago wird das Land flach und weit. Mais, Himmel, Wassertürme, ab und zu eine Stadt, die aus dem Nichts auftaucht und genauso schnell wieder verschwindet. In Kansas City steht über der Skyline ein Reiter aus Bronze, „The Scout“, und schaut seit über hundert Jahren in die Ferne, als warte er auf jemanden.

Am Mississippi beginnt der Süden, zumindest gefühlt. In St. Louis steht der Gateway Arch, das Tor zum Westen, ein Bogen aus Edelstahl, so hoch, dass die Wolken ihn manchmal berühren.3 192 Meter hoch und genauso breit. Man kann mit einer winzigen Kabinenbahn bis ganz nach oben fahren. Ich habe es gemacht. Die Kabine ist sehr klein, die Aussicht sehr groß, der Puls auch.

In Memphis bin ich zu Graceland gefahren, wie wohl jeder, der einmal dort ist. Danach weiter nach Texas, in die Stockyards von Fort Worth, wo zweimal am Tag eine kleine Rinderherde durch die Straße getrieben wird, mit echten Cowboys und Zuschauern, die mit Handys filmen.
In San Antonio stehen alte spanische Missionen, still, steinern, mitten in Parks. Und in Houston steht das Gegenteil davon: das Besucherzentrum der NASA, gleich neben dem Kontrollzentrum, mit dem die Astronauten auf dem Weg zum Mond gesprochen haben.4 „Houston, wir haben ein Problem“ wurde in Wahrheit „Houston, we've had a problem“ gesagt. Ich habe es auf der Tafel im Museum nachgelesen und bin seitdem ein unerträglicher Besserwisser.

Louisiana empfängt einen mit feuchter Luft und Wasser überall. Auf einer Bootstour durch den Sumpf hat uns der Kapitän versprochen, dass wir Alligatoren sehen. Er hat sein Versprechen gehalten, und zwar näher, als mir lieb war.


Dann New Orleans. Tagsüber spielt auf jedem Dampfer und an jeder zweiten Ecke eine Jazzband. Nachts wird die Stadt ruhiger, aber nicht leiser: Die Straßenbahn klingelt, irgendwo spielt immer noch jemand Trompete.
Ich bin um Mitternacht die Canal Street entlanggegangen, bis zum Fluss und zurück. Es war das beste Abendprogramm der ganzen Reise, und es hat nichts gekostet.

Auf dem Rückweg nach Norden ging es durch Alabama. Das Kapitol in Montgomery war für den Geburtstag geschmückt: 250 Jahre Unabhängigkeit, in großen Buchstaben auf den Bannern.5 Am 4. Juli 2026 sind die USA 250 Jahre alt geworden. Ich war genau rechtzeitig für die Fahnen, aber leider zu spät für das Feuerwerk.
In Atlanta hat mich dann der Verkehr wieder eingeholt: so viele Spuren, dass ich aufgehört habe zu zählen, und alle wollen gleichzeitig, dass man sich einordnet.

Bei Chattanooga gibt es einen Aussichtspunkt, von dem man angeblich sieben Bundesstaaten sieht. Ich habe nachgezählt, sehr gewissenhaft, und bin bei zwei Bundesstaaten und drei Wolken angekommen.
Trotzdem: Wer hier oben steht, an der Kante, mit dem ganzen Tal unter sich, glaubt jede Zahl.6 Für Leute mit Höhenangst: Es gibt ein Geländer. Für Leute ohne Höhenangst: Es gibt trotzdem ein Geländer, bitte bleiben Sie dahinter.
Nashville war laut, im besten Sinn. Am Broadway spielt in jeder Bar eine Band, oft schon am Nachmittag, und die Fenster stehen offen, damit die Musik auf die Straße kann. Man bleibt stehen, hört zu und geht weiter zur nächsten Tür.
Der letzte Halt war unter der Erde. Die Mammoth Cave in Kentucky ist das längste bekannte Höhlensystem der Welt. Nach zwanzig Tagen Sonne, Lärm und Highway war es dort unten kühl, dunkel und still. Ein besseres Ende hätte ich nicht planen können. Ich hatte ja auch keinen Plan.

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