Post von unterwegs
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Am 12. August wurde es über Nordspanien mitten am Abend dunkel. Davor: das Baskenland und Pamplona. Danach: Santiago, zwischen Pilgern.
Die meisten Reisen fangen mit einem Ort an. Diese hat mit einem Datum angefangen: 12. August 2026, totale Sonnenfinsternis über Nordspanien. Die erste totale Finsternis auf dem europäischen Festland seit 1999.1 Ich habe das Datum vor drei Jahren in meinen Kalender eingetragen. Mit dem Vermerk: „Nicht vergessen. Wirklich nicht.“
Rundherum habe ich ein paar Tage gebaut: zuerst ans Meer ins Baskenland, dann ins Landesinnere, zur Finsternis, und zum Schluss bis ganz in den Westen, nach Santiago de Compostela.
Bilbao war einmal eine graue Industriestadt. Dann kam das Guggenheim-Museum, ein Gebäude wie aus geknittertem Titan, und vor ihm eine Spinne, so groß wie ein Haus. Sie heißt „Maman“, Mama, und stammt von der Künstlerin Louise Bourgeois. Kinder laufen zwischen ihren Beinen hindurch, Erwachsene machen Fotos, und alle schauen dabei ein bisschen nach oben, für den Fall, dass sie sich bewegt.

San Sebastián liegt an einer Bucht, die aussieht wie gezeichnet: ein Halbkreis aus Sand, links und rechts zwei grüne Berge, dazwischen eine Insel. Die Stadt ist berühmt für ihr Essen, und sie verdient diesen Ruhm. Ich habe an einem Abend vier Bars besucht und in jeder nur eine Kleinigkeit gegessen. Das ist hier keine Gier, das ist Tradition.2 Die kleinen Häppchen heißen im Baskenland nicht Tapas, sondern Pintxos. Wer das verwechselt, wird höflich korrigiert. Ich wurde zweimal höflich korrigiert.


Am Nachmittag zogen Wolken auf, und das Meer wurde grau und schwer. Die Möwen hat das nicht gestört, die Segler auch nicht. Mich ein bisschen: Für die Finsternis in zwei Tagen brauchte ich einen klaren Himmel.
Die Wettervorhersage habe ich an diesem Tag ungefähr vierzig Mal geöffnet. Sie hat sich in dieser Zeit nicht geändert. Ich mich auch nicht.
Pamplona kennt man von den Stierläufen im Juli. Im August ist die Stadt ruhiger, aber nicht verschlafen. Auf der Plaza del Castillo sitzen Familien im Schatten, Kinder spielen um den Musikpavillon, und überall sieht man Menschen mit Rucksäcken und Muscheln daran.


Durch Pamplona führt der Jakobsweg, und die Stadt hat sich darauf eingestellt. Die Apotheke um die Ecke wirbt nicht mit Sonderangeboten, sondern mit einem Versprechen: „Pilger, wir helfen dir.“
Ich bin kein Pilger. Aber an diesem Tag habe ich zum ersten Mal überlegt, wie es wäre, einer zu sein. Ich werde wohl nicht zu Fuß gehen. Aber vielleicht einmal mit dem Fahrrad.

Der Himmel war klar. Ich hatte einen Platz auf einem Hügel, weit weg von Straßenlaternen, zusammen mit ein paar Dutzend Menschen, die alle in dieselbe Richtung schauten, mit Schutzbrillen auf der Nase und Kameras auf Stativen.
Zuerst passiert lange wenig. Der Mond schiebt sich vor die Sonne, aber man merkt es nur durch die Brille. Dann wird das Licht seltsam, metallisch, die Schatten werden scharf, die Temperatur fällt. Vögel fliegen zu ihren Schlafplätzen.
Und dann, in wenigen Sekunden, wird es Nacht. Mitten am Abend, mitten im Sommer. Rund um die schwarze Scheibe leuchtet die Korona, der Strahlenkranz der Sonne, den man sonst nie sieht. Am Rand stehen kleine rote Flammen. Jemand hinter mir hat geweint, jemand anderes hat gejubelt, ich habe nichts gesagt.3 Die Kamera lief auf Serienbild. Ich habe trotzdem zehn Sekunden lang nur geschaut, ohne durch den Sucher. Das war das beste Versäumnis der ganzen Reise.
In Nordspanien dauerte die Totalität je nach Ort nicht einmal zwei Minuten. Es fühlte sich an wie zehn. Und wie zehn Sekunden. Beides gleichzeitig.
Weil die Finsternis am Abend war, stand die Sonne schon tief. Als der Mond sich langsam wieder zurückzog, ging sie unter, noch immer angeknabbert, orangerot über den Feldern.

Am nächsten Tag bin ich bis ganz in den Westen gefahren, nach Santiago de Compostela, an das Ziel des Jakobswegs. Auf dem großen Platz vor der Kathedrale kommen den ganzen Tag Pilger an. Manche jubeln, manche legen sich einfach auf das Pflaster und schauen in den Himmel, manche liegen sich in den Armen.4 Ich bin nicht gelaufen, ich bin mit dem Auto gekommen. Neben den echten Pilgern mit ihren staubigen Schuhen habe ich mich ein bisschen geschämt. Und dann sehr gefreut, dass ich dabei sein durfte.



Drinnen ist es dunkel und kühl. In einer Seitenkapelle brennen Hunderte Kerzen in roten Gläsern. Ich habe auch eine angezündet, für die Reise, für die zwei Minuten Nacht, für alle, die mit mir auf dem Hügel standen.
Fünf Tage, vier Städte, eine Finsternis. Es war die kürzeste Reise dieses Jahres und die, an die ich am längsten denken werde.
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