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Fernweh mit Fußnoten
Totale Sonnenfinsternis: schwarze Scheibe mit hellem Strahlenkranz

Spanien · 9. bis 13. August · 10 Minuten Lesezeit

Zwei Minuten Nacht im August.

Am 12. August wurde es über Nordspanien mitten am Abend dunkel. Davor: das Baskenland und Pamplona. Danach: Santiago, zwischen Pilgern.

Die meisten Reisen fangen mit einem Ort an. Diese hat mit einem Datum angefangen: 12. August 2026, totale Sonnenfinsternis über Nordspanien. Die erste totale Finsternis auf dem europäischen Festland seit 1999.1 Ich habe das Datum vor drei Jahren in meinen Kalender eingetragen. Mit dem Vermerk: „Nicht vergessen. Wirklich nicht.“

Rundherum habe ich ein paar Tage gebaut: zuerst ans Meer ins Baskenland, dann ins Landesinnere, zur Finsternis, und zum Schluss bis ganz in den Westen, nach Santiago de Compostela.

Tag 1Bilbao: eine Spinne, ein Museum

Bilbao war einmal eine graue Industriestadt. Dann kam das Guggenheim-Museum, ein Gebäude wie aus geknittertem Titan, und vor ihm eine Spinne, so groß wie ein Haus. Sie heißt „Maman“, Mama, und stammt von der Künstlerin Louise Bourgeois. Kinder laufen zwischen ihren Beinen hindurch, Erwachsene machen Fotos, und alle schauen dabei ein bisschen nach oben, für den Fall, dass sie sich bewegt.

Die riesige Spinnenskulptur Maman vor dem Guggenheim-Museum in Bilbao, darunter Besucher
„Maman“ vor dem Guggenheim-Museum in Bilbao. Über neun Meter hoch, aus Bronze und Stahl, und unter dem Bauch trägt sie einen Sack mit Eiern aus Marmor.
Barockkirche mit zwei Türmen an einem Platz in BilbaoNahaufnahme einer Textilarbeit aus Perlen, Fäden und Ketten in Rot, Blau und Orange
Links: eine Kirche in der Altstadt von Bilbao. Rechts: ein Ausschnitt aus einer Ausstellung. Aus zwei Metern Entfernung ein Bild, aus zwanzig Zentimetern eine Landschaft.

Tag 2San Sebastián, am Meer

San Sebastián liegt an einer Bucht, die aussieht wie gezeichnet: ein Halbkreis aus Sand, links und rechts zwei grüne Berge, dazwischen eine Insel. Die Stadt ist berühmt für ihr Essen, und sie verdient diesen Ruhm. Ich habe an einem Abend vier Bars besucht und in jeder nur eine Kleinigkeit gegessen. Das ist hier keine Gier, das ist Tradition.2 Die kleinen Häppchen heißen im Baskenland nicht Tapas, sondern Pintxos. Wer das verwechselt, wird höflich korrigiert. Ich wurde zweimal höflich korrigiert.

Der Strand La Concha in San Sebastián, darüber der Berg Urgull mit Christusstatue
Der Strand La Concha in San Sebastián. Oben auf dem Berg Urgull wacht eine Christusstatue über die Badegäste.
Eine Möwe auf einem Pfosten, dahinter unscharf ein Segelboot
Eine Möwe, ein Segelboot und ein Himmel, der sich nicht entscheiden kann.

Am Nachmittag zogen Wolken auf, und das Meer wurde grau und schwer. Die Möwen hat das nicht gestört, die Segler auch nicht. Mich ein bisschen: Für die Finsternis in zwei Tagen brauchte ich einen klaren Himmel.

Die Wettervorhersage habe ich an diesem Tag ungefähr vierzig Mal geöffnet. Sie hat sich in dieser Zeit nicht geändert. Ich mich auch nicht.

Felsige Küste bei San Sebastián unter dunklen WolkenSteilküste mit Kiefern über dem tiefblauen Meer
Die Küste bei San Sebastián: dunkle Felsen, weite Bucht, und ein paar Kilometer weiter Kiefern über dem tiefblauen Meer.

Tag 3Pamplona, Pilger und ein Tunnel

Pamplona kennt man von den Stierläufen im Juli. Im August ist die Stadt ruhiger, aber nicht verschlafen. Auf der Plaza del Castillo sitzen Familien im Schatten, Kinder spielen um den Musikpavillon, und überall sieht man Menschen mit Rucksäcken und Muscheln daran.

Der Musikpavillon auf der Plaza del Castillo in Pamplona
Die Plaza del Castillo in Pamplona, das Wohnzimmer der Stadt.
Schild Farmacia del Camino mit Jakobsmuschel: Pilgrim, we can help you
Eine Apotheke am Jakobsweg. Das Angebot gilt auf Spanisch, Englisch und Französisch, die Blasenpflaster sprechen jede Sprache.

Durch Pamplona führt der Jakobsweg, und die Stadt hat sich darauf eingestellt. Die Apotheke um die Ecke wirbt nicht mit Sonderangeboten, sondern mit einem Versprechen: „Pilger, wir helfen dir.“

Ich bin kein Pilger. Aber an diesem Tag habe ich zum ersten Mal überlegt, wie es wäre, einer zu sein. Ich werde wohl nicht zu Fuß gehen. Aber vielleicht einmal mit dem Fahrrad.

Ein Musiker spielt im Schatten eines Tunnels, dahinter ein sonniger Park
In einem Tunnel am Rand eines Parks spielt jemand Musik, nur für die Schatten und die Vorbeigehenden.

Tag 4 · 12. AugustZwei Minuten Nacht

Der Himmel war klar. Ich hatte einen Platz auf einem Hügel, weit weg von Straßenlaternen, zusammen mit ein paar Dutzend Menschen, die alle in dieselbe Richtung schauten, mit Schutzbrillen auf der Nase und Kameras auf Stativen.

Zuerst passiert lange wenig. Der Mond schiebt sich vor die Sonne, aber man merkt es nur durch die Brille. Dann wird das Licht seltsam, metallisch, die Schatten werden scharf, die Temperatur fällt. Vögel fliegen zu ihren Schlafplätzen.

Und dann, in wenigen Sekunden, wird es Nacht. Mitten am Abend, mitten im Sommer. Rund um die schwarze Scheibe leuchtet die Korona, der Strahlenkranz der Sonne, den man sonst nie sieht. Am Rand stehen kleine rote Flammen. Jemand hinter mir hat geweint, jemand anderes hat gejubelt, ich habe nichts gesagt.3 Die Kamera lief auf Serienbild. Ich habe trotzdem zehn Sekunden lang nur geschaut, ohne durch den Sucher. Das war das beste Versäumnis der ganzen Reise.

Die Sonne als schmale Sichel, der Mond hat sich fast ganz davor geschoben
Kurz davor: die Sichel
Der Diamantring-Effekt: ein letzter heller Lichtpunkt am Rand des Mondes
Der Diamantring
Rote Protuberanzen am Rand der verdeckten Sonne
Rote Protuberanzen
Totale Sonnenfinsternis: schwarze Scheibe mit hellem Strahlenkranz
Totalität: die Korona

In Nordspanien dauerte die Totalität je nach Ort nicht einmal zwei Minuten. Es fühlte sich an wie zehn. Und wie zehn Sekunden. Beides gleichzeitig.

Weil die Finsternis am Abend war, stand die Sonne schon tief. Als der Mond sich langsam wieder zurückzog, ging sie unter, noch immer angeknabbert, orangerot über den Feldern.

Die teilweise verdeckte Sonne geht orangerot unter
Die Sonne geht unter, während der Mond noch vor ihr steht. Diesen Anblick gibt es nur bei einer Finsternis kurz vor Sonnenuntergang.

Tag 5Santiago, am Ziel der anderen

Am nächsten Tag bin ich bis ganz in den Westen gefahren, nach Santiago de Compostela, an das Ziel des Jakobswegs. Auf dem großen Platz vor der Kathedrale kommen den ganzen Tag Pilger an. Manche jubeln, manche legen sich einfach auf das Pflaster und schauen in den Himmel, manche liegen sich in den Armen.4 Ich bin nicht gelaufen, ich bin mit dem Auto gekommen. Neben den echten Pilgern mit ihren staubigen Schuhen habe ich mich ein bisschen geschämt. Und dann sehr gefreut, dass ich dabei sein durfte.

Der Platz vor der Kathedrale von Santiago de Compostela voller Pilger, von oben
Die Praza do Obradoiro in Santiago, von oben. Hier enden die Wege von Pilgern aus der ganzen Welt.
Die Westfassade der Kathedrale von Santiago de Compostela
Die Westfassade der Kathedrale von Santiago de Compostela. Man muss sich weit nach hinten lehnen, um sie ganz zu sehen.

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